Jochen Neerpasch: „Gemeinsam lernen, um gemeinsam besser zu werden“.
10. Juni 2020 Zurück zur Artikelübersicht »

Mit der Aussicht auf den angestrebten Saisonstart der Nürburgring Langstrecken-Serie (NLS) Ende Juni nehmen auch die Vorbereitungen auf der ersten Renneinsatz des BMW Junior Teams wieder Fahrt auf. Sollte es die aktuelle Situation zulassen, werden die Junioren am 27. Juni ihre ersten Rennrunden auf der Nordschleife absolvieren.

Gespannt beobachtet werden sie von Jochen Neerpasch. Der erste Geschäftsführer der BMW Motorsport GmbH und des BMW Junior Teams steht auch den aktuellen Junioren Dan Harper (GBR), Max Hesse (GER) und Neil Verhagen (USA) als Mentor zur Seite. Während der aktuellen Zwangspause steht Neerpasch als Ratgeber regelmäßig auf digitalem Weg mit den Junioren in Kontakt. Harper, Hesse und Verhagen halten ihn zudem durch wöchentliche Berichte über ihr Training auf dem Laufenden. Im Interview vergleicht Neerpasch die heutige Nachwuchsförderung mit den Voraussetzungen, die das legendäre erste BMW Junior Team 1977 hatte.
 
Herr Neerpasch, Sie haben die Geschichte der BMW Motorsport GmbH seit 1972 über Jahre geprägt. Nun haben Sie die Idee des BMW Junior Teams neu belebt. Wie ist es dazu gekommen?
 
Jochen Neerpasch: „BMW Motorsport ist mit dem Wunsch auf mich zugekommen, bei der Entwicklung einer neuen Schwerpunktsetzung der Nachwuchsförderung zu helfen. Ich habe dann vorgeschlagen, zur Förderung eines BMW Junior Teams zurückzukehren. Denn BMW hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar sehr erfolgreich junge Talente an die Spitze gebracht, aber immer individuell.“
 
Warum spielt der Teamgedanke für Sie so eine entscheidende Rolle?
 
Neerpasch: „Als Team sieht man mehr, erfährt man mehr, tauscht sich untereinander aus und hilft einander. Das war schon beim ersten BMW Junior Team 1977 zu beobachten und spielt nun eine noch größere Rolle, da sich die Junioren bei den Langstreckenrennen auf der Nürburgring-Nordschleife ein Fahrzeug teilen werden. Sie müssen gemeinsam lernen, um gemeinsam besser zu werden. So werden sie sich wesentlich schneller entwickeln, als wenn jeder nur für sich allein arbeiten würde.“
 
Warum haben Sie sich für Dan Harper, Max Hesse und Neil Verhagen entschieden?
 
Neerpasch: „Wir haben nach Fahrern gesucht, die sich in ihren jeweiligen Rennklassen kontinuierlich gesteigert haben. Sie sollten in jeder Kategorie, in der sie am Start waren, im oberen Drittel gewesen sein. Zudem war uns wichtig, ein Team aus internationalen Fahrern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Charakteren zusammenzustellen. Sie sollen einander ergänzen und voneinander lernen.“
 
Wie sah im Vergleich dazu die Auswahl des ursprünglichen BMW Junior Teams 1977 aus?
 
Neerpasch: „Im Grunde war es damals dasselbe System. Eddie Cheever, Marc Surer und Manfred Winkelhock zählten seiner Zeit zu den vielversprechendsten Nachwuchsfahrern verschiedener Kategorien – und auch sie waren ein internationales Team mit unterschiedlichen Charakteren. Bei ihnen war zu beobachten, wie gut sie als Team zusammengearbeitet und wie viel schneller sie sich dadurch entwickelt haben. Aus dieser Erfahrung heraus sind wir bei der Zusammenstellung des aktuellen BMW Junior Teams einen ganz ähnlichen Weg gegangen.“
 
Cheever, Surer und Winkelhock waren damals für ihren aggressiven Fahrstil berüchtigt. Sie haben Sie trotzdem nicht gebremst, warum?
 
Neerpasch: „Weil das die Philosophie war. Sie sollten völlig frei fahren. Wir haben sie ja damals in der Deutschen Rennsport Meisterschaft sogar direkt gegen unsere erfahrenen Piloten antreten lassen, um zunächst von ihnen zu lernen und sie dann herauszufordern. Unser Anspruch war nicht, mit dem BMW Junior Team die Meisterschaft zu gewinnen, sondern die jungen Talente zu fördern. So werden wir es auch mit dem aktuellen BMW Junior Team handhaben.“
 
Haben Sie noch Kontakt zu Eddie Cheever und Marc Surer?
 
Neerpasch: „Ja, durchaus. Und nicht nur das: Ich bin mir sicher, dass wir uns, sobald es wieder möglich ist, auch wieder häufiger treffen werden. Denn die beiden sind sehr neugierig, ihre Nachfolger kennenzulernen und sie an der Rennstrecke zu beobachten.“
 
Wie ist bei Ihnen die Idee entstanden, junge Rennfahrer speziell zu fördern?
 
Neerpasch: „Als ich in den 1960er Jahren selbst Rennen gefahren bin, galt Motorsport nicht als Sport. Entsprechend galt ein Rennfahrer auch nicht als Sportler sondern als Autofahrer. Das Fahrzeug machte die Arbeit. Dementsprechend waren die damaligen Fahrer physisch so gut wie gar nicht auf die Belastungen vorbereitet. An diesem Punkt habe ich nach meiner aktiven Karriere, als ich Rennleiter wurde, angesetzt. Mir war es ein Anliegen, das System Mensch-Maschine in den Vordergrund zu stellen und die Rennfahrer in ihrer Vorbereitung zu unterstützen. Denn meine Überzeugung war schon damals: Das beste Auto nutzt nichts, wenn der Fahrer dessen Potenzial nicht ausschöpfen kann. BMW war dann der erste Hersteller, der Fahrer professionell auf die Rennen vorbereitet hat.“
 
Wie hat sich der Rennsport aus Fahrersicht in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
 
Jochen Neerpasch: „Die Anforderungen, die heute an einen Rennfahrer gestellt werden, sind völlig andere als zu meiner Zeit. Damals war das Fahren eines Rennautos noch mehr ein Abenteuer, weil es so gut wie keine technischen Hilfsmittel gab. Der Fahrer war im Auto auf sich allein gestellt und konnte dem Ingenieur erst im Nachhinein Feedback über das Fahrverhalten geben. Heute ist die Technik teilweise weiter als der Fahrer und gibt ihm sogar vor, was er in welcher Situation zu tun hat. Entsprechend andere Fähigkeiten sind heute von einem Rennfahrer gefordert. Die Sensorik, mit der er an die Sache herangehen muss, um das Optimum aus sich und seinem Fahrzeug herauszuholen, ist eine ganz andere. Um diese auszubilden, benötigt man natürlich geeignete Trainingsmethoden – wie zum Beispiel das ganzheitliche Mental- und Fitnesstrainingskonzept der Formula Medicine.“
 
Zur Zeit des ersten BMW Junior Teams waren Sie Leiter der BMW Motorsport GmbH. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?
 
Neerpasch: „Ab Ende der 1960er habe ich bei Ford im Alleingang eine eigene Rennabteilung aufgebaut, und als wir anfingen, mit unserem Ford Capri die damaligen BMW Coupés zu schlagen, hat mir der BMW Vertriebsvorstand Anfang 1972 das Angebot gemacht, nach München zu kommen. Wenige Monate später habe ich meinen Vertrag unterschrieben. BMW wollte sein Motorsport-Engagement neu aufstellen, und ich habe aus meiner Erfahrung bei Ford von Beginn an eine flexible Organisation gefordert. Es musste eine eigene Motorsport-Abteilung geben, die die Rennfahrzeuge baut und daraus abgeleitet dann auch sportliche Hochleistungs-Fahrzeuge für die Straße entwickelt, mit denen Geld verdient werden kann. Im Mai 1972 haben wir losgelegt und als erstes den BMW 3.0 CSL entwickelt, der in den folgenden Jahren zum erfolgreichsten Tourenwagen aufstieg. Insgesamt verlief die Entwicklung der BMW Motorsport GmbH sehr rasant, und für mich war es die schönste Zeit meiner Karriere.“
 
Wie blicken Sie heute auf das Projekt, das Sie damals begonnen haben?
 
Neerpasch: „Ich bin sehr stolz zu sehen, was aus der BMW M GmbH geworden ist. Sie baut fantastische Autos, die man sowohl auf der Rennstrecke als auch auf der Straße bewegen kann.“
 
Eine Ikone der BMW M GmbH und wohl auch Ihr größtes Projekt war der BMW M1, richtig?
 
Neerpasch: „Der BMW M1 war sicher der Höhepunkt meiner Zeit bei BMW. Das Projekt war nicht nur groß, es war auch schwierig. Die Idee war, nicht wie zuvor aus einem Straßenfahrzeug ein Rennfahrzeug zu machen, sondern ein Rennfahrzeug zu entwickeln und daraus dann eine Straßenversion abzuleiten. Da der BMW M1 nicht im BMW Werk gebaut werden konnte, haben wir als BMW Motorsport GmbH die komplette Verantwortung für Entwicklung, Produktion und Vertrieb übernommen. Das war damals ein sehr ehrgeiziges Projekt. Leider konnten wir den BMW M1 nicht für offizielle Motorsport-Rennserien homologieren. So entstand gemeinsam mit Max Mosley und Bernie Ecclestone die Idee, die eigene M1 Procar Serie im Rahmenprogramm der Formel 1 ins Leben zu rufen. Legendär war dabei das Aufeinandertreffen der Formel-1-Stars mit etablierten Sport- und Tourenwagenfahrern in identischen Fahrzeugen. Diese Rennen im BMW M1 waren fantastisch und ein echter Zuschauermagnet.“
 
Fahren Sie heute selbst noch manchmal einen BMW M1?
 
Neerpasch: „Ja, sehr gerne. Der BMW M1 fährt sich nach wie vor großartig. Ich hatte selbst einen, habe den aber irgendwann verkauft. Schade eigentlich, denn der wäre heute wahrscheinlich ein Vermögen wert.“